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Es war nur ein Zwischenstopp, und nicht mal ein offizieller – trotzdem schlug Nancy Pelosis Besuch in Taiwan gigantische Wellen. Der Trip der Sprecherin des US-Repräsentantenhauses nach Taipeh markierte den ranghöchsten Besuch aus den USA seit 25 Jahren. Peking reagierte erzürnt. China sieht in der Insel einen abtrünnigen Teil der Volksrepublik, und nimmt daher Handlungen, die Taiwan wie einen souveränen Staat aussehen lassen, als Affront wahr.

Geografisch betrachtet geht es eigentlich um nicht viel: Mit 36.000 Quadratkilometern ist Taiwan etwa so groß wie Baden-Württemberg. Die Einwohnerzahl liegt bei 23 Millionen – nicht mal zwei Prozent der Bevölkerung Chinas. Nennenswerte Rohstoffvorräte? Praktisch null. Für Peking ist der Konflikt um die Insel hauptsächlich ein Politikum.

Allerdings heißt das nicht, dass es nicht – wie auch beim Krieg in der Ukraine – enorme wirtschaftliche Folgen hätte, wenn der Konflikt eskaliert. Denn ökonomisch ist Taiwan ein kleiner Gigant, bildete zusammen mit Südkorea, Singapur und Hongkong die ersten „Tigerstaaten“ Asiens. Und in einem Sektor kann einfach niemand auf der Welt auf Taiwan verzichten: Halbleiter.

Die meisten bekannten Mikrochip-Firmen kommen zwar aus den USA, wie etwa Intel, Nvidia, Qualcomm oder Texas Instruments. Doch von diesen Pionieren gingen Anfang der 1980er viele die „fabless“ Route – keine eigenen Fabriken mehr, nur noch Design und Entwicklung. Die Gegenseite bilden die sogenannten „Foundries“, die „Gießereien“, die nur noch im Auftrag Mikrochips fertigen. Der unbestreitbare Branchenprimus hier heißt TSMC, Taiwan Semiconductor Manufacturing.

Taiwan dominiert die Herstellung von Chips

Dem Marktforschungsunternehmen TrendForce zufolge lag der Anteil TSMCs am globalen Foundry-Markt 2021 bei 53 Prozent. Insgesamt kamen alle taiwanesischen Firmen sogar auf einen Marktanteil von 64 Prozent. Anders gesagt: Rund zwei Drittel aller Chips kommen aus Taiwan. Bei den besonders fortgeschrittenen 10-nm-Chips haben Taiwans Hersteller sogar einen Marktanteil von 92 Prozent, so der jüngste Jahresreport des US-Verbands Semiconductor Industry Association.

Wie wichtig die Branche für Taiwan ist – und Taiwan damit für die Welt – zeigen auch die Exportdaten des Landes. Halbleiter machten im Jahr 2020 37 Prozent der insgesamt 374 Milliarden Dollar an Ausfuhren aus, zeigen Daten des Aggregators OEC. Größter Abnehmer war dabei sogar die Volksrepublik China selbst, mit 30,5 Prozent aller taiwanesischen Chip-Exporte und einem Warenwert von 42 Milliarden US-Dollar.

Wenn China angreift, „wären die TSMC-Fabriken nicht mehr operabel“

Mit einem Angriff auf die Insel würde sich China als der weltweit wichtigste Elektronik-Hersteller also vor allem selbst schaden. TSMC stellte klar, dass eine Invasion die fortgeschrittenste Fertigung der Welt augenblicklich unterbrechen würde. „Niemand kann TSMC mit Gewalt kontrollieren. Im Falle eines Angriffs oder einer Invasion wären die TSMC-Fabriken nicht mehr operabel“, sagte Firmenchef Mark Liu gegenüber „CNN“.

„Weil es sich hier um einen derart ausgeklügelten Herstellungsstandort dreht, ist er von einer Echtzeit-Verbindung zur Außenwelt abhängig, mit Europa, mit Japan, mit den USA, von Materialien zu Chemikalien zu Ersatzteilen bis hin zu Entwicklungssoftware“, führte Liu weiter aus. Würde ein Krieg kommen, so Liu, „wären wir alle Verlierer“.

Wie wichtig TSMCs Fertigung ist, zeigt zudem auch, dass Pelosi persönlich mit Firmenchef Liu und TMSC-Gründer Morris Chang sprach. Die taiwanesischen Prozessoren sind nämlich nicht nur für Produkte wie beispielsweise Apples iPads und Macbooks nötig, sondern auch für amerikanischen F-35-Kampfjets und Javelin-Panzerabwehrraketen.

Wie das abrupte Reißen der Chip-Lieferkette indes Deutschland treffen würde, ist ebenfalls klar. Die Pandemie gab darauf bereits einen Vorgeschmack. Gleich mehrfach schickte etwa die Auto-Industrie tausende Mitarbeiter in Kurzarbeit, weil wichtige Bauteile, wie eben auch Mikrochips, fehlten. Die Beratungsfirma AlixPartners warnte jüngst davor, dass der Chip-Mangel in der Auto-Industrie sich ohnehin bis 2024 ziehen dürfte.

Warum nicht einfach woanders Mikrochips produziert werden können

Ein zusätzliches Problem ist, dass sich Taiwans Chipfertigung im Falle eines Angriffs schlicht nicht zeitnah ersetzen lässt. „Es ist keine Raketenwissenschaft – sondern noch viel komplizierter“, wird innerhalb der Branche gewitzelt. Entsprechend aufwändig ist es, überhaupt mit der Fertigung loszulegen. Selbst eine einfache Fabrik kostet der Finanznachrichtenagentur Bloomberg zufolge schon 15 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Für die Gigafactory in Brandenburg hat Tesla laut Schätzungen knapp sechs Milliarden Dollar gezahlt.

Der Grund dafür ist einerseits die teure Technik für die EUV-Lithographie, um die Chip-Architektur auf die runden Silikonplatten, genannt Wafer, zu ätzen. Auf der anderen Seite sind die Anforderungen an die Fabrik selbst enorm. In den Fertigungsräumen dürfen in jedem Kubikmeter Luft maximal 10 Staubpartikel (mit Durchmessern unter 200 Nanometern) schwirren, nur ein Tausendstel dessen, was in OP-Sälen üblich ist, so Bloomberg. Sonst riskiert der Hersteller, Millionen Dollar an Herstellungskosten in den Sand zu setzen.

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Es verwundert nicht, dass darum viele Länder, allen voran die USA, versuchen, die Fertigung wieder auf eigenes Territorium zu holen. Jüngst verabschiedete der US-Kongress ein 52 Milliarden Dollar schweres Subventionspaket, um Chiphersteller wie TSMC ins Land zu locken. US-Branchenveteran Intel steckt selbst 20 Milliarden Dollar in neue Fabriken im Bundesstaat Arizona, darüber hinaus nochmal gut 17 Milliarden Dollar in neue „Fabs“ im brandenburgischen Magdeburg.

Doch bis an diesen Orten Chips gefertigt werden, vergehen noch Jahre. Selbst 2025, schätzt TrendForce, dürfte TSMC bei der Auftragsfertigung noch 44 Prozent Marktanteil, und sogar 58 Prozent bei den fortgeschrittensten Chips. „TSMC wird seine Dominanz in der globalen Halbleiter-Industrie fortsetzen“, so das Urteil der Analysten.

Insofern steht im Konflikt zwischen China und Taiwan technologisch viel auf dem Spiel – für die Volksrepublik selbst, wie auch für den Rest der Welt. Nichtsdestotrotz hat die Volksrepublik als Antwort auf Pelosis Besuch große Militärmanöver gestartet. Dabei wird auch scharf geschossen, und zwar in sechs Seegebieten rund um Taiwan, der Werkbank der Welt für Mikrochips.

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